Wie funktioniert Oral History?

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Auch dieser Beitrag zur Rubrik: „Was ist Oral History?“ versucht die Frage durch das praktische Beispiel einer Interviewsitutation zu beantworten. Die Autorin Esra Aslan befragt in diesem lebensgeschichtlichen Interview ihren Vater zu seiner Geschichte als „Gastarbeiterkind“, damit gibt die Autorin nicht nur konkrete Einblicke in die Umsetzung der wissenschaftlichen Disziplin, sondern auch in ihre Schwierigkeiten.

Projemizin web sitesinin ya da çevrimiçi bloglarımızın değerli konukları, bu mekalede bir daha “ Oral History nedir?“ cevaplamak istiyoruz. Esra Aslan bu soruya praktik bir örnekle cevap vermeye çalışır. Bunu yapmak için babasına hayat hikayesini sordu.

Fabienne Bitz


Wie funktioniert Oral History?

Ein Beitrag von Esra Aslan

Interview mit einem sogenannten „Gastarbeiterkind“

Da saß ich endlich mit meinem Vater im Wohnzimmer, an einem frühen Wintermorgen. Vor mir lag ein weißes Blatt Papier mit fünf kurzen Fragen. Diese waren jedoch nur Orientierungsfragen für mich. Eigentlich werde ich das Reden meinem Vater überlassen, damit ich in unserem Gespräch mehr über das Leben eines sogenannten „Gastarbeiterkindes“ erfahren kann: Die Lebensgeschichte meines Vaters. Eine Lebensgeschichte von vielen Vätern und Müttern in Deutschland. Geprägt wurde diese Geschichte von den individuellen Entscheidungen der Eltern unserer Eltern. In letzter Zeit verglich mein Vater oft seine Schulzeit mit meiner Schulzeit. „Bei mir war das nicht so!“, „Für uns interessierten sich die Lehrer nicht!“. Solche Aussagen hatte ich schon sehr oft gehört. Um mehr darüber erfahren zu können, entschied ich mich für ein Interview mit ihm. Ich bereitete mich also vor und machte einen Tag mit meinem Vater aus, an dem wir uns ausgiebig über seine Kindheit unterhalten sonnten.

Da saßen wir, beide mit einem heißen Getränk in der Hand. Für mich Kaffee, für meinen Vater Çay. Keiner von uns redete. Wahrscheinlich wollte mein Vater, dass ich anfange. Schließlich wollte ich ihn interviewen, jedoch brach er das Schweigen zuerst: „für die Uni, ja?“, fragte er mich wiederholt. „Ja“, antwortete ich mehrmals. Ich atmete noch einmal tief ein und bereitete mich dann auf unser Gespräch vor. Zur Aufzeichnung des Gesprächs benutzte ich lediglich mein Handy und machte ein „Sprachmemo“ davon. Bei professionellen Interviews hat man oft auch eine Kamera dabei und nimmt das Gespräch als Video auf. So kann man später das Erzählte, die mündliche Quelle, besser analysieren, archivieren und transkribieren. Für mein Interview habe ich ebenso versucht unser Gespräch zu transkribieren, das heißt wörtlich auszuschreiben, ohne den Wortlaut der Aussagen zu verändern.

Foto: Animation of a Video Interview using a phone“ / Subhashish Panigrahi / CC BY-SA 4.0 / via Wikimedia Commons

Ich fing also an: „Baba, kannst du mir von deiner Kindheit erzählen?“

„Da gibt es nichts Interessantes, aber ja. Ich bin im Oktober 1965 in Gediz geboren. Das ist in Kütahya, Türkei. Damals ein sehr kleines Dorf. Als ich fünf Jahre alt war, gab es ein schreckliches Erdbeben. Viele Menschen kamen ums Leben. Häuser wurden zerstört…“

Mein Vater machte kurz Pause und schnaufte laut. „Ach“, sagte er dann. „Ich wäre fast gestorben, aber das weißt du ja schon.“ Ja, das wusste ich. Bei dem Erdbeben von 1970 in Gediz war mein Vater unter Trümmern begraben. Er hatte jedoch sehr viel Glück, man hatte ihn schnell aus den Trümmern herausholen können und ihn anschließend medizinisch versorgt.

„Was passierte danach?“, fragte ich.

„Naja, an vieles kann ich mich nicht erinnern. Aber ich weiß, dass man Hilfe aus Deutschland bekommen hat. Wir bekamen Wasser, Essen und Zelte für alle, die ihre Häuser verloren hatten. Ob das alles von Deutschland organisiert wurde, kann ich dir nicht sagen. Aber den Männern im Dorf wurde auch Arbeit angeboten. Arbeit in Deutschland.“

„Nur den Männern?“

„Ja, nur Männern. Es hieß man hat viel Arbeit in Deutschland. Mein Vater und mein Onkel nahmen die Arbeit an. Sie gingen dann 1970 nach Deutschland. Wir hatten ja alles verloren. Meine Mutter und ich blieben zurück.“

„Was habt ihr alleine gemacht?“

„Wir blieben im Dorf. Man baute wieder Häuser. Ich ging zur Schule. Mein Vater kam dann erst 1976 zurück. Wir zogen dann nach Izmir um und kauften ein Haus, mit dem Geld aus Deutschland. Zwei Jahre später, also 1978, holte mein Vater uns alle nach Deutschland. Dann lebten wir dort.“

„Wo genau?“

„In Balzfeld. Das gehört noch zur Gemeinde Dielheim.“

„Ach, okay. Was hast du dann in Deutschland gemacht?“

„Tja, ich musste sofort in die Schule. Aber es war nicht so streng.“ Er lachte.

„Was bedeutet nicht so streng?“

„Ich habe immer Karten gespielt. Ich musste auch zuhören, aber ich habe nichts verstanden. Konnte doch kein Deutsch. Aber im Werken war ich immer gut und in Sport auch. Deutsch habe ich von meinen deutschen Freunden gelernt. Die waren immer sehr nett. Die Lehrer wollten nur, dass wir zuhören, aber sie lernten nicht mit uns. Wir sollten einfach nur in die Schule kommen.“

„Bist du traurig, dass man das nicht anders gemacht hat?

„Du kannst das nicht mit heute vergleichen. Das war ganz normal damals. Du hast immer Arbeit gefunden, auch wenn du schlecht in der Schule warst. Ich habe auch Arbeit gefunden. Man ging nach der Hauptschule auf die Berufsschule und dann hat man gearbeitet.“

„Und was bedeutet für dich Deutschland?“

„Das ist die zweite Heimat.“

„Würdest du dich als Gastarbeiterkind bezeichnen?“

„Was ist das denn?! Dann bist du wohl ein Gastarbeiterkindkind!“

Mehr äußerte er nicht. Aber alles, was er in unserem kurzen Gespräch erzählt hat, kann mir dabei helfen, die damalige Zeit besser zu verstehen. Außerdem verstehe ich dadurch auch, wieso er sich selbst nicht als „Gastarbeiterkind“ bezeichnen möchte. Schließlich stellt Deutschland eine Heimat für ihn dar.

Sein schulischer Werdegang stellt sich hier als etwas für die damalige Zeit „Gängiges“ heraus. Da mein Vater kein großer „Redner“ ist, habe ich ihm während des Interviews auch Fragen gestellt. Normalerweise halten sich die Interviewer aber zurück und hören in erster Linie zu. Wichtig ist dabei auch, dass man sich als interviewte Person beim Erzählen wohl fühlt. Es geht nicht darum, dass Menschen mit ihren Erfahrungen bloßgestellt werden, sondern dass ein heterogenes Geschichtsbewusstsein gefördert wird. Oral History stellt das Individuum in den Vordergrund. Somit erhalten Zeitzeugen eine Plattform, um das Geschehene aus individueller Perspektive zu erzählen. Marginalisierte Gruppen und ihre Geschichten können so Teil der kollektiven Erinnerung werden. Solche Erzählungen ermöglichen es uns auch, die Zukunft besser zu gestalten und zu verhindern, dass Geschichte verharmlost oder vergessen wird.

Wie funktioniert Oral History?

Ein Gedanke zu „Wie funktioniert Oral History?

  • Juni 11, 2021 um 8:08 pm
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    Liebe Gemeinde,

    Welch ein schöner Artikel. Danke

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