Du bist was du sprichst

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In diesem Beitrag versetzt sich Laura Rachor in die Interviewsituation und beleuchtet die Methode der Oral History aus der Perspektive der/des Zeitzeug*in. Dabei arbeitet sie die Wichtigkeit von Selbstreflexion der/des Historiker*in im Arbeitsprozess heraus.

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Eylül Tufan


Wie funktioniert Oral History?

Ein Beitrag von Laura Rachor

Du bist was du sprichst

Man stelle sich vor: man sitze in einem Raum. Alle Augen sind auf einen selbst gerichtet. Irgendwo vereinsamt in einer Ecke steht eine Kamera, deren Objektiv ungefähr so groß ist wie der eigene Kopf. „Nun erzählen Sie doch einmal von sich!“ würde das Gesicht hinter der Kamera sagen. Zitternd vor Aufregung würde man sich dann überlegen, was eine angemessene Antwort sei. Funktioniert so Oral History? Einfach drauf los reden und angestarrt werden? Bastelt man sich so ein authentisches Bild der Vergangenheit? Eine einfache Antwort auf diese Fragen gibt es nicht.

Wie am Begriff „Oral History“ bereits zu erkennen ist, handelt es sich um eine Teildisziplin, die sich mit einer Vielfalt an mündlichen Quellen beschäftigt. Diese Quellen werden auf unterschiedlichste Art und Weise gewonnen und aufbereitet; zum Beispiel durch Transkription von gefilmten Interviews. Diese Transkriptionen sind besonders aufwändig. Verbale, paraverbale und nonverbale Äußerungen müssen sinnvoll verschriftlicht werden. Am Ende einer solchen Arbeit steht ein Produkt, das weiterverwertet werden kann: Ein Interview mit Untertiteln, welches in einem Museum zu sehen ist; eine verschriftlichte Textquelle, über der sich Linguist*innen oder Historiker*innen den Kopf zerbrechen… Ein einziges Interview kann so zahlreiche weitere Forschungsfragen eröffnen. Dies zeigt, wie interdisziplinär die Oral History angelegt ist. Doch welche Aussagekraft haben die Quellen dieser Teildisziplin?

Das Interview als Methode der Quellengenerierung

„Sie hatten nie eine Kamera in meinem Kopf“ würde Truman („Die Truman Show“) dazu sagen. Und tatsächlich lässt sich auch im Bereich der Oral History nicht davon sprechen, Interviews als die Vergegenwärtigung einer Vollwahrheit zu betrachten. Oral History ist eine Teildisziplin, deren spezielle Form von Quellen nochmals andere Analysemöglichkeiten und andere Zugänge zu Geschichte erlauben. Dies gilt sowohl für diejenigen, die die Quellen sammeln, als auch für deren spätere Rezipient*innen. Historiker*innen dieses Fachbereiches sind bemüht, eine möglichst natürliche Interviewsituation zu schaffen. Es soll eine Gesprächssituation entstehen, bei welcher die interviewte Person möglichst eigenständig erzählt.

Herausforderungen der Oral History: Die Ton- oder Bildaufnahme während des Zeitzeug*innen-Interviews können das Gespräch und die Erzählung verzerren.
Foto: Free-Photos / CC0 / via Pixabay

Die Analogie zu „Die Truman Show“ ist also tatsächlich nicht so weit hergeholt, wenn auch deutlich überspitzt. In der Art und Weise der Quellenbeschaffung liegt eben auch die Tücke: Eine Interviewsituation unterliegt immer einer gewissen Zielsetzung, Steuerung und Eigenmotivation. Wie in „Die Truman Show“ handelt es sich in gewisser Weise doch um eine gelenkte Situation, wenn auch nicht in so extremer Form. Sowohl Interviewer als auch die Interviewten sind sich dessen bewusst und beeinflussen sich deshalb wechselseitig.

Learning-by-doing in der Interviewsituation

Schnell könnte der Gedanke bei den Interviewten aufkommen: „Du bist was du sprichst!“. Das Interview wird als Darstellungsmöglichkeit erlebt oder als Selbstdarstellungszwang negativ betrachtet. Während die Macher in Euphorie über die filmische Aufnahme des Gesagten geraten, löst die Vorstellung einer Aufnahme bei den Interviewten vielleicht sogar Ablehnung aus. Dies erfordert kommunikatives Geschick im Umgang mit den Interviewten. Eine Fertigkeit, die zum größten Teil „Learning-by-doing“ ist. Zwar gibt es mittlerweile einige Schulungen zu Themen wie Interviewtechniken oder Rhetorik, letztlich muss man dies jedoch immer in der Praxis üben, um die Techniken einzustudieren.

Netzwerke zur Gewinnung von Interviewpartner*innen

Der derzeitige Zugang über Biografieforschung und die Gewinnung von Interviewpartner*innen über Netzwerke bietet auch für Ungeübte eine Erleichterung. Durch den stärkeren sozialen Charakter ermöglicht er eine persönlichere Interaktion. Dieser Beziehungsaspekt birgt in sich zwar wieder das Problem der mangelnden Distanz der Interviewer, bietet aber auch klare Vorteile: Soziolinguistische und kollektivspezifische Interaktionen können besser verstanden werden. 

Wahre Erinnerung oder erinnerte Wahrheit?

Dennoch bleibt der Faktor Mensch: Das Gedächtnis eines Menschen ist äußerst komplex. Wir nehmen den ganzen Tag über Dinge wahr. Bewusst und unbewusst. Allein durch unsere Sprache kann es zu einer anderen Wahrnehmung kommen, dies zeigen Forschungsergebnisse aus der Psycholinguistik.
All diese Wahrnehmungen müssen abgespeichert werden und neue Erinnerungen müssen eingeordnet werden. Manch einer kann sich vielleicht noch daran erinnern, wie er sich mit Freunden über ein gemeinsames Erlebnis unterhalten hat und man sich nicht einig werden konnte, wie es denn nun „wirklich“ gewesen ist. Dies ist ein Paradebeispiel, um zu zeigen, welche Schwierigkeit die Klassifikation der Erinnerungen als „wahr“ darstellt.

Die Art des persönlichen Bezuges trägt entschieden dazu bei, ob und wie wir uns das Ereignis merken. Ordne ich mich selbst dem Kollektiv der „Gastarbeiter*innen“ zu und/oder ist dieser Begriff negativ oder positiv für mich konnotiert? Je nachdem kann ich bestimmte Ereignisse, die dieses Kollektiv betreffen, als bedeutender oder weniger bedeutend einordnen. Es ist eine Form von bewusst tradierter Erinnerung eines Kollektivs. Es bleibt im Gedächtnis, sogar wenn ich es selbst nicht aktiv erlebt habe. Die gesellschaftliche Stellung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe wird mir bewusster, je mehr Berührungspunkte ich zu dieser habe. Ein spezifisches Anwerbeabkommen wird mir vermutlich viel prägnanter im Gedächtnis bleiben, wenn meine Familie unmittelbar damit zu tun hatte bzw. davon betroffen war.

Auch besteht in solchen Situationen immer die Frage, was man erzählen möchte. Nicht jedes Erlebnis möchte ich mit jeder Person teilen oder gar öffentlich machen. Eine Situation, der sich sowohl Interviewer*innen als auch interviewte Personen bewusst sein müssen. Grenzen müssen respektiert werden und individuelle Persönlichkeitsrechte müssen gewahrt bleiben.

„Oral History funktioniert nur durch aktive Selbstreflexion und geschickte Befragung.“

Selbstreflexion ist gefragt

Oral History funktioniert also nur durch aktive Selbstreflexion und geschickte Befragungen. Die interviewende Person muss ihre eigene Position stets im Blick haben. Nachfragen sollten wohlüberlegt platziert werden, zum Beispiel zu Thematiken wie dem Begriff „Gastarbeiter*in“. Die Interviewsituation sollte im Blick behalten werden und man sollte darüber reflektieren, wie diese die Aussagen aktiv beeinflusst.

Wenngleich man Erinnerungen nicht pauschal als „wahr“ klassifizieren kann, so bieten sie uns doch durch ihre starke persönliche Einfärbung einen anderen Zugang zu historischen Prozessen. Gerade die Selbstverortung der Interviewten, aber auch generelle biografische Erzählungen, beleben so die Erinnerungskultur.

Man stelle sich vor: man sitze in einem Raum. Alle Augen sind auf einen selbst gerichtet. Irgendwo vereinsamt in einer Ecke steht eine Kamera, deren Objektiv ungefähr so groß ist wie der eigene Kopf. Mit der Person neben sich auf dem Sofa hat man schon einmal gesprochen. Man unterhält sich. Die Person geht schließlich nach Hause. Sie sieht sich das Material an. Analysiert es und reflektiert die Situation, fertigt eine Transkription an und überlegt sich den weiteren Nutzen der gesammelten Informationen. Einige Zeit später hängt ein Ausschnitt dieses Interviews unter einer Fotografie in einem Museum. Jetzt kann man vielleicht sagen, dass man zumindest in Teilen verstanden hat, wie Oral History funktioniert.


Literatur

Breckner, Roswitha: Von den Zeitzeugen zu den Biographen. Methoden der Erhebung und Auswertung lebensgeschichtlicher Interviews, in: Oral History (Basistexte Geschichte, Bd. 8), hrsg. v. Julia Obertreis, Stuttgart 2012, S. 131-154.

Dietrich, Rainer/Gerwien, Johannes: Psycholinguistik. Eine Einführung, Stuttgart 2017.

Goetz, Hans-Werner: Die Historische Fragestellung in ihrer Bedeutung für die Theorie und Methode der Geschichtswissenschaft, in: Hering, Rainer, Hrsg. Lebendige Sozialgeschichte. Gedenkschrift für Peter Borowsky, hrsg. v. Rainer Hering, Wiesbaden 2003.

Good, Francis: Voice, Ear and Text. Words, Meaning, and Transcription, in: The Oral History Reader (Routledge Readers in History), hrsg. v. Robert Perks und Alistair Thomson, London/New York 32016, S. 458-469.

Lüsebrink, Hans Jürgen: Interkulturelle Kommunikation. Interaktion, Fremdwahrnehmung, Kulturtransfer, Stuttgart 2016.

Niccol, Andrew: Die Truman Show, Frankfurt 1998.

Pagenstecher, Cord (2016): Oral History als Methode, in: www.bpb.de, [online] https://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/ns-zwangsarbeit/227274/oral-history-als-methode#:~:text=Das%20Archiv%20%E2%80%9EZwangsarbeit%201939%2D1945.&text=Mit%20Hilfe%20der%20Oral%20History,und%20die%20Erinnerung%20an%20sie [18.12.2020].

Wierling, Dorothee: Oral History, in: Aufriss der historischen Wissenschaften, Bd. 7: Neue Themen und Methoden der Geschichtswissenschaft, hrsg. v. Michael Maurer, Stuttgart 2003.

Williams, Brien R.: Doing Video Oral History, in: The Oxford Handbook of Oral History, hrsg. v. Donald A. Ritchie, Oxford 2011.

Yow, Valerie: Interviewing Techniques and Strategies, in: The Oral History Reader (Routledge Readers in History),hrsg. v. Robert Perks und Alistair Thomson, London/New York 32016, S. 153-178.

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