„Gastarbeiter“: Implikationen und Grenzen eines Begriffs

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Heute erscheint der erste Blogbeitrag aus unserer Lehrveranstaltung, die Anfang November begonnen hat. Die ersten Blogbeiträge der Studierenden wurden unter der Fragestellung „Was sind Gastarbeiter*innen?“ erarbeitet.

Die Studentin Eylül Tufan wählte hierbei einen sehr persönlichen Zugang, der bei ihrem Großvater beginnt und in einer kritischen Dekonstruktion des umstrittenen Begriffs „Gastarbeiter“ endet. Eine türkischsprachige Zusammenfassung des Artikels folgt nach der Version in deutscher Sprache.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre!

Lars Maurer


Proje web sitemizin veya proje hakkında çevrimiçi blogumuzun değerli konukları!

Kasım ayında başlayan kursumuzun ilk blog yazısı bugün karşınıza çıkıyor. Öğrencilerin ilk blog yazıları “Misafir işçi nedir?” sorusu altında oluşturulmuştur.

Öğrenci Eylül Tufan, dedesinin yaşadıklarına kişisel tecrübe olarak yaklaşmış ve tartışmalı “misafir işçi” kavramını, eleştirel bir bakış açısıyla açıklamıştır. Almanca makalelerin ardından Türkçe özet bulunmaktadır.

Okumayı seveceğinizi umuyoruz!

Lars Maurer


„Gastarbeiter“: bir tanımlama üzerine çıkarımlar ve sınırları

Eylül Tufan’dan bir katkı

„Gastarbeiter“ kelimesi, 1950‘lerden 1970‘li yılların başlarına kadar, savaş sonrası ortaya çıkan iş gücü açığını karşılamak üzere karşılıklı anlaşmalar ile işe alınmak üzere yurtdışından davet edilen göçmenleri tanımlamaktadır. Ancak bu tanımlama bazı sorunlu çıkarımlar ve gözden kaçırmalar içermektedir: Bir yandan yurt dışından gelen işçilerin „yabancılığı“ vurgulanırken, diğer yandan kadınları ve Türkiye‘den göçen farklı etnik ve dini azınlıkları dışlamaktadir. Bu konuya positif eleştirel bir yaklaşım, bu zamanın şahitlerinin görüşlerini tartışmaya katarak, ezerbozar yoluyla tanımlamanın köklerine inilip, uygunluğu ve sınırlarının belirlenmesi olabilir.


„Gastarbeiter“: Implikationen und Grenzen eines Begriffs

Ein Beitrag von Eylül Tufan

„Wir sind Einwanderer“ steht auf dem Schild geschrieben, das mein Großvater unter seinen Arm geklemmt hat. Das Schwarz-Weiß-Foto im Hamburger Abendblatt zeigt ihn auf einer Demonstration gegen rassistische Gewalt im Januar 1986. Als Bildunterschrift steht unter dem Foto: „Ein Türke bei der Abschlusskundgebung auf dem Gerhard-Hauptmann-Platz“. Diese Beschreibung bringt zum Ausdruck, in welchem Spannungsverhältnis Fremd- und Eigenbezeichnung stehen können: 1973 immigrierte mein Großvater als Arbeitsmigrant aus der Türkei nach Deutschland. Sich selbst bezeichnete er als Einwanderer. In den Augen der anderen blieb er jedoch vor allem eines: „Gastarbeiter“, „Türke“, Fremder.


Foto: Ausschnitt aus dem Hamburger Abendblatt (Januar 1986), ein bedeutsames Dokument zur Familiengeschichte der Autorin (privat).

Sprache konstruiert Wirklichkeit

Sprache erzeugt Narrative und konstruiert Wirklichkeit. Damit transportieren Begriffe bestimmte Vorstellungen und gestalten den Diskurs über das jeweilige Thema. In Anbetracht dessen scheint die Reflexion der Verwendung von Begriffen und ihrer Implikationen besonders wichtig – nicht nur in der Medienberichterstattung und öffentlichen Debatte über die Einwanderungsgesellschaft, sondern auch und besonders in der geschichtswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Migration und der sogenannten „Gastarbeit“ in der Bundesrepublik Deutschland der 1950er bis 1970er Jahre.

Zwar bezeichnet der Begriff „Gastarbeiter“ Arbeitsmigrant:innen, die zwischen den 1950er bis 1970er Jahren auf der Grundlage von bilateralen Verträgen aus anderen süd- und südosteuropäischen Staaten nach Deutschland angeworben wurden, um den Arbeitskräftemangel in der Nachkriegszeit abzuschwächen. Allerdings weist der Begriff einige problematische Implikationen und blinde Flecken auf, die im Folgenden erläutert werden sollen. Es stellt sich die Frage, wessen Geschichte mit dem Begriff der sogenannten „Gastarbeit“ erzählt wird, wessen Erinnerungen im kulturellen Gedächtnis weiterleben und wessen Perspektiven in der Geschichtsschreibung ausgeklammert bleiben.

Von der Fremd- zur „Gastarbeit“: Deutschland ist (k)ein Einwanderungsland

Der Begriff „Gastarbeiter“ tauchte bereits gegen Ende des Zweiten Weltkrieges auf. Damals bezeichnete dieser ausländische Arbeiter:innen, die auf der Basis von Lohnarbeit „freiwillig“ in der Kriegswirtschaft des nationalsozialistischen Regimes beschäftigt waren, wobei vorwiegend der Begriff „Fremdarbeiter“ verwendet wurde. „Fremdarbeiter“ hielt sich bis in die 1950er und 1960er Jahre in der Öffentlichkeit. Allerdings war der Begriff durch das nationalsozialistische Regime diskreditiert. In den 1960er Jahren setzte sich schließlich der Begriff „Gastarbeiter“ für die Bezeichnung von im Ausland angeworbenen Arbeitseinwander:innen im Alltag durch. Dieser sollte einen sprachlichen Bruch mit der Kontinuität zwischen nationalsozialistischer und bundesdeutscher Ausländerpolitik darstellen. Anstelle der negativen Konnotation mit dem Nationalsozialismus sollte das Bild eines offenen Deutschlands gezeichnet werden, das die angeworbenen Arbeiter:innen als Gäste willkommen heißt.

Nichtsdestoweniger impliziert das Wort „Gast“, dass die angeworbenen Arbeitsmigrant:innen nur auf Zeit in der BRD bleiben und irgendwann in ihre Heimat zurückkehren würden. Darüber hinaus zeigt der Begriff, dass in der Bundesrepublik Deutschland davon ausgegangen wurde, dass es sich bei der Beschäftigung von aus dem Ausland angeworbenen Arbeitskräften um ein zeitlich begrenztes Phänomen handelt: Die Anwerbung und Beschäftigung von Arbeitsmigrant:innen folgte dem „Rotationsprinzip“, was bedeutet, dass die voneinander abhängigen Arbeits- und Aufenthaltserlaubnisse zunächst nur für ein Jahr gültig waren. Aus den angeworbenen Arbeiter:innen sollten keine Einwanderer:innen werden. Das „Rotationsprinzip“ erwies sich aber als wenig attraktiv für die Arbeitgeber:innen, weil die angelernten Arbeiter:innen das Unternehmen nach einem Jahr wieder verlassen mussten. Deshalb wurde die für türkische Arbeitseinwander:innen geschaffene und auf zwei Jahre fixierte Rotation 1964 wieder abgeschafft. Spätestens mit dem Anwerbestopp 1973 und der damit einsetzenden Phase des Familiennachzugs hätte der deutschen Politik und Gesellschaft bewusst sein müssen, dass es sich bei den angeworbenen Arbeitsmigrant:innen nicht um Gäste handelt, die in ihre Heimat zurückkehren würden, sondern um Einwander:innen mit der Absicht langfristig in Deutschland zu bleiben. Ein nicht unerheblicher Anteil der seit den 1950er Jahren bis zum Anwerbestopp 1973 angeworbenen Arbeitseinwander:innen kehrte nicht in die Heimatländer zurück, sondern hat bis heute seinen Lebensmittelpunkt in Deutschland. Der Begriff „Gastarbeiter“ verkennt, dass die angeworbenen Arbeiter:innen in die Bundesrepublik immigrierten, und impliziert, dass sie kein Teil der deutschen Gesellschaft, sondern Fremde waren beziehungsweise sind. In der Rückschau verwundert das nicht, wenn man berücksichtigt, dass bis in die 1990er Jahre die Ansicht verbreitet war, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei und das Geburtsortsprinzip im Staatsangehörigkeitsrecht erst im Jahr 2000 eingeführt wurde. Umso anachronistischer erscheint die heutige Verwendung des Begriffs, zieht man in Betracht, dass im Jahr 2018 25,5 Prozent der deutschen Bevölkerung einen „Migrationshintergrund“ hatten.

Marginalisierung und fehlende Differenzierung: Frauen und Zuwanderung aus der Türkei

Seit seiner Etablierung in den 1960er Jahren wurde vorwiegend der Begriff „Gastarbeiter“ in seiner männlichen Form gebraucht. Dieser legt nahe, dass es sich bei den sogenannten „Gastarbeitern“ ausschließlich um Männer handelt. Tatsächlich dominiert bis heute das Bild vom männlichen „Gastarbeiter“. Der Weg der Frauen nach Deutschland wird dabei vorwiegend über den nach dem Anwerbestopp 1973 einsetzenden Familiennachzug gezeichnet. In dieser Erzählung ziehen die Frauen ihren Ehemännern zusammen mit den gemeinsamen Kindern in die neue Heimat nach. Dass aber ein nicht unbeträchtlicher Teil der Arbeitsmigrant:innen Frauen waren, blieb in der öffentlichen Wahrnehmung wie auch in der Migrationsforschung lange unbeachtet: Zwischen 1960 und 1973 verzehnfachte sich die Zahl ausländischer Arbeitnehmerinnen von rund 43.000 auf über 706.000 in Deutschland. Die angeworbenen Arbeiterinnen wurden in der Textil- und Bekleidungs-, Nahrungs- und Genussmittel-, metallverarbeitenden und Elektroindustrie beschäftigt. Dabei war die Anwerbung von weiblichen Arbeitskräften für die Unternehmen besonders lukrativ: So immigrierte beispielsweise meine Großmutter 1972 allein nach Deutschland, ein Jahr vor meinem Großvater. Damals wurden weibliche Arbeitskräfte für den Niedriglohnsektor gebraucht; der Antrag meines Großvaters hingegen wurde abgelehnt. Der Arbeitsmarkt der 50er bis 70er Jahre war stark nach Geschlecht segregiert und hierarchisiert: Die Anwerbung von Arbeitseinwanderinnen zielte darauf ab, Leichtlohnarbeitsplätze nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern diese in expandierenden Branchen wie der Elektroindustrie auszuweiten. In einer Reihe von „Wilden Streiks“ (Streiks ohne gewerkschaftliche Führung) in den 1960er und 1970er Jahren machten Arbeitsmigrantinnen auf ihre Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt aufmerksam. Sie forderten „gleichen Lohn für gleiche Arbeit“, die Einführung eines Hausarbeitstages und Kindertagesstätten- sowie Schulplätze für ihre Kinder. Die Unterschiede in den Migrationsbiografien und Motivlagen von Arbeitseinwanderinnen und ihre Emanzipation in den „Wilden Streiks“ zeigt, dass den Frauen in der Geschichte der Arbeitsmigration der 1950er bis 1970er Jahre eine aktivere Rolle und größere Handlungsmacht (Agency) zukommt, als ihnen in der Geschichtsschreibung bisher zuteilwird.

Eine ähnliche Marginalisierung von Migrationsbiografien lässt sich im Kontext der Arbeitsmigration aus der Türkei beobachten: Die zwischen der Unterzeichnung des Anwerbeabkommens im Jahr 1961 und dem Anwerbestopp 1973 aus der Türkei zugewanderten Arbeitseinwander:innen bilden eine sehr heterogene Gruppe. Sie differenziert sich hinsichtlich ethnischer Herkunft und religiösen Überzeugungen stark aus. So wanderten neben sunnitischen Türk:innen auch Kurd:innen und Armenier:innen (ethnischer Hintergrund) sowie Alevit:innen, Christ:innen und Säkulare (religiöse Überzeugung) nach Deutschland ein. Durch die zunehmend instabile politische Lage in der Türkei und spätestens nach dem Militärputsch im Jahr 1980 immigrierten vor allem türkische Linksintellektuelle und Menschen kurdischer Herkunft als Geflüchtete nach Deutschland. Trotz unterschiedlicher Motivationen und ethnisch-religiöser Diversität wurden die Gruppen der aus der Türkei immigrierten Einwander:innen aufgrund stereotypischer Zuschreibungen als „türkische Gastarbeiter“ wahrgenommen.

Der Begriff „Gastarbeiter“ kann die verschiedenen Migrationsbiografien, Motivationen und Erfahrungen von Arbeitsmigrant:innen in ihrer Diversität nicht erfassen. Stattdessen transportiert er ein stereotypisches Bild von sogenannter „Gastarbeit“, das der weitaus komplexeren Realität der türkeistämmigen Bevölkerung in Deutschland nicht gerecht wird. Damit wird der Begriff „Gastarbeiter“ einerseits nicht den persönlichen Geschichten der Arbeitsmigrant:innen gerecht, andererseits stößt er aufgrund mangelnder Differenzierung analytisch schnell an seine Grenzen.

Herausforderungen beim wissenschaftlichen Arbeiten über Arbeitsmigration

Was nun mit dem Begriff „Gastarbeiter“ machen? Ihn weiter zu verwenden, wird nicht möglich sein, ohne problematische Stereotype und Narrative zu reproduzieren. Ersetzen? Alternativ könnte die Bezeichnung Arbeitsmigrant:innen oder Arbeitseinwander:innen verwendet werden. Allerdings geht in dieser Bezeichnung das Charakteristikum der Arbeitsmigration der 1950er bis 1970er Jahre verloren, nämlich die gezielte Anwerbung der Arbeitseinwander:innen durch bilaterale Verträge. Bleibt wohl nur noch eine Option: mit dem Begriff umgehen. Die wissenschaftliche Literatur ist mittlerweile dazu übergegangen, die Bezeichnung „Gastarbeit“ in Anführungszeichen zu setzen. Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema sollte zusätzlich ein gedankliches Fragezeichen hinter die Bezeichnung gesetzt werden. Eine kritische Reflexion von Begriffen erfordert ihre Kontextualisierung und Dekonstruktion: Wie ist der Begriff entstanden? Was impliziert und welche Narrative bedient er? Wessen Perspektive nimmt der Begriff ein und wessen Geschichte erzählt er? Für unser Projekt bedeutet das konkret, im Gespräch mit Zeitzeug:innen zu fragen, wie sie zu dem Begriff „Gastarbeiter“ stehen und ob sie sich selbst so bezeichnen würden. Diese Frage kann ein Zugang zu den Geschichten der Arbeitsmigrant:innen sein und Aufschluss über ihre Motivationen und Erfahrungen bieten. Letztendlich bleibt die Frage nach Begrifflichkeiten ein Aushandlungsprozess, den wir mit den Arbeitseinwander:innen und ihren Nachkommen selbst führen sollten.

Literatur

Bundeszentrale für politische Bildung (2018): Gastarbeiter, unter: www.bpb.de, [online] https://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/270369/gastarbeiter [15.11.2021].

Hanrath, Jan (2011): Vielfalt der türkeistämmigen Bevölkerung in Deutschland, unter: www.bpb.de, [online] https://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/anwerbeabkommen/43240/vielfalt [15.11.2021].

Herbert, Ulrich: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge, München 2001.

Mattes, Monika (2019): „Gastarbeiterinnen“ in der Bundesrepublik Deutschland, unter: www.bpb.de, [online] https://www.bpb.de/gesellschaft/migration/kurzdossiers/289051/gastarbeiterinnen-in-der-bundesrepublik-deutschland [15.11.2021].

Luft, Stefan (2014): Die Anwerbung türkischer Arbeitnehmer und ihre Folgen, unter: www.bpb.de, [online] https://www.bpb.de/internationales/europa/tuerkei/184981/gastarbeit [15.11.2021].

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