Als wir »Gastarbeiter« waren…

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Heute erscheint der zweite Blogbeitrag aus unserer Lehrveranstaltung. Die ersten Blogbeiträge der Studierenden wurden unter der Fragestellung „Was sind Gastarbeiter*innen?“ erarbeitet.

Die Studentin Silvia Cornacchiari wählte hierbei ebenfalls einen persönlichen Zugang, der das Phänomen der „Gastarbeiter“ verstärkt aus heutiger Perspektive einer jungen Italienerin in Deutschland beleuchtet.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre!

Lars Maurer


Ein Beitrag von Silvia Cornacchiari

Als wir „Gastarbeiter“ waren…

„Wir“, das sind alle Italiener und Italienerinnen, die seit der Einheit Italiens im Jahr 1861 in verschiedenen „Wellen“ das Bel Paese verließen, um anderswo auf der Welt ihr Glück zu suchen. Im italienischen kollektiven Gedächtnis ist insbesondere die Migration in die USA und nach Lateinamerika um 1900 präsent, auch weil sie zahlenmäßig (14 Millionen) alle weiteren Emigrationsbewegungen übertraf. Stattdessen führte die „zweite Welle“ der italienischen Emigration zwischen den 1950er und den 1970er Jahren ins nördlich gelegene europäische Ausland.


VW-Werk Wolfsburg: Italienische „Gastarbeiter“familie in ihrer Wohnung am 24. August 1973.
Foto: „Wolfsburg, Gastarbeiterfamilie in ihrer Wohnung“ / Schaack, Lothar / Bundesarchiv / Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 de via Wikimedia Commons

Diese Geschichte ist jedoch eher Teil privater Erinnerungen als der nationalen Erzählung, obwohl es eine jüngere Entwicklung ist, die bis heute Wirkungen zeigt. Oder vielleicht genau deswegen, denn sowohl in meiner Schulzeit in den 2010er Jahren als auch heute thematisiert der Geschichtsunterricht an italienischen Schulen kaum die 1950er-1970er Jahre. Und selbst wenn es passiert, ist diese europäische Migration kein Thema italienischer Geschichtsbücher. Dieser Aspekt der gemeinsamen deutschen und italienischen Geschichte ist mir in Italien nur im Deutschunterricht begegnet, aber häufig eher mit anekdotischem Charakter und nicht als historische Analyse des Phänomens – was verständlich ist, denn die Schüler*innen sollen in erster Linie die deutsche Sprache lernen und es wird nicht verlangt, dass sie ein solches Thema in seiner Tiefe in einer Fremdsprache untersuchen.

Dass Schulprogramme Schwerpunkte setzen, ist etwas Normales; die Zurückhaltung bei diesem Thema ist aber verwunderlich, weil die italienische Migration in das nördlich gelegene Europa eben keine reine private Angelegenheit war: Sie basierte auf offiziellen Vereinbarungen zwischen Herkunfts- und Ankunftsstaaten, den sogenannten „Anwerbeankommen“, um ausländische Arbeitskräfte zu rekrutieren. Die Bundesrepublik Deutschland (BRD) gehörte zu den beliebtesten Zielen für die Italiener*innen – und ihrerseits zu den Ländern, die seit den 1950er Jahren am meisten Bedarf an ausländischen Arbeitskräften hatten. Zwischen Italien und der BRD wurde 1955 das erste westdeutsche Anwerbeankommen der Nachkriegszeit geschlossen – weitere sollten folgen, unter anderen mit Spanien, Griechenland, Portugal, Jugoslawien und der Türkei.

Die Personen, die durch solche Abkommen in andere Länder migrierten, wurden als „Gastarbeiter“ bezeichnet – der männliche Begriff dominierte, selbst wenn auch viele Frauen durch die Vereinbarungen nach Deutschland kamen. In diesem Wort waren schon die Bestimmungen für den Aufenthalt im Ausland – insbesondere in der Bundesrepublik – enthalten: Die Zuwanderer kamen, um Arbeit zu leisten, und zwar als „Gäste“, ihr Aufenthalt musste also zeitlich begrenzt sein. Da sie laut Plan nach wenigen Jahren in ihre Heimat zurückgehen würden, kümmerte sich keiner darum, sie in das neue Land zu integrieren. Aus der Sicht der deutschen Nachbarn und Arbeitgeber blieben sie „die Anderen“. Das spiegelte sich auch im Unwissen der Deutschen über die „Gastarbeiter“ wieder: Zum Beispiel galten verschiedene Ethnien und religiöse Gruppen undifferenziert als „Türken“; es verfestigte sich das Klischee, dass sich Nord- und Süditaliener sprachlich nicht verstehen würden. Auch die Situation in den Herkunftsländern dürfte den meisten Deutschen unbekannt gewesen sein. Sie war aber nicht unwichtig, denn Italien, Spanien und die Türkei förderten durch die Anwerbeabkommen die Emigration in die BRD, insbesondere um die hohe Arbeitslosigkeit im Inneren zu bekämpfen. Darüber hinaus hatte jeder Einzelne seine persönlichen Motive, in ein fremdes Land ohne Sicherheit zu emigrieren. Mit Ausnahme der demokratischen Republik Italien spielte für spanische, türkische, griechische oder jugoslawische „Gastarbeiter“ auch politische Unsicherheit oder gar Verfolgung eine wichtige Rolle in der Entscheidung, das eigene Land zu verlassen.

Als neue, junge „Zuwanderin“ ist es besonders interessant, zu beobachten, wie sich die Situation zwischen damals und heute verändert hat. Viele Italiener*innen, die durch das Anwerbeabkommen nach Deutschland gekommen waren, gingen spätestens nach 1973 zurück: Die westdeutsche Wirtschaft blühte in den 1970er Jahren nicht mehr, ausländische Arbeiter waren nicht mehr nötig. Auch „Gastarbeiter“ aus anderen Ländern, aus Spanien, Griechenland und der Türkei, verließen die Bundesrepublik. Aber in den deutsch-italienischen Beziehungen war zwischenzeitlich ein neues Element hinzugekommen, das das wechselseitige Verhältnis revolutionierte: Die Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, in der Italien und die BRD 1957 zu den Gründungsländern gehörten. Die deutschen Arbeitgeber betrachteten diese Möglichkeit in den 1960er Jahren als negativ – wie sollte schließlich die Kontinuität der Produktion gesichert werden, wenn die italienischen Arbeiter*innen an keine Bedingung gebunden und frei waren, nach Lust und Laune zu kommen und zu gehen? Im Gegensatz dazu stellen die Freizügigkeit und die Annährung innerhalb der Europäischen Union heute die Basis dafür dar, dass Italiener in Deutschland im Allgemeinen akzeptiert sind. Natürlich existieren nach wie vor Stereotype (in beide Richtungen!): Jede/r Italiener/in in Deutschland muss mindestens einmal für den ganzen Freundeskreis Spaghetti kochen oder Pizza backen. Dennoch gilt die italienische Community in Deutschland nicht als „zu integrierende Gruppe“.

Dieses Glück blieb anderen Gruppen leider verwehrt, insbesondere den türkischen „Gastarbeitern“, die in den 1960er und 1970er Jahren mit insgesamt 14 Millionen Zuwanderern die Mehrheit der ausländischen Arbeitskräfte darstellten. Nach 1973 blieben circa 3 Millionen von ihnen in Deutschland, holten ihre Familien aus der Türkei oder gründeten eine in der Bundesrepublik. Obwohl sie sich bewusst dazu entschieden hatten, für eine längere Zeit (potenziell für immer) in Deutschland zu bleiben, galten sie in den 1980er Jahren als „nicht integrationsfähig und -willig“, wie Bundeskanzler Helmut Kohl einst der britischen Premierministerin Margaret Thatcher gesagt haben soll.

Diese Ausgrenzung und Diskriminierung führte auch zu Anfeindungen, persönlichen Angriffen und gar Anschlägen gegen Personen türkischer Herkunft, und ist heute noch nicht beendet: In dem häufig verwendeten Begriff des „Migrationshintergrundes“ versteckt sich ein bis heute andauerndes Misstrauen gegen die Betroffenen, „sie“ seien „anders“. Es mag erstaunlich sein, aber das gilt selbst für Kinder von ehemaligen türkischen „Gastarbeitern“, die zum großen Teil bereits in Deutschland geboren wurden, deutsche Schulen besucht haben, die deutsche Sprache (und oft den lokalen Dialekt) besser beherrschen als Türkisch. Das führt zum Paradoxon, dass ich als italienische Studentin, die Deutsch als Fremdsprache gelernt hat und erst vor 5 Jahren zum Studium nach Deutschland gekommen ist, in der Wahrnehmung vieler Deutscher als „mehr dazugehörig“ oder „weniger problematisch“ empfunden wird als Menschen, die ihr ganzes Leben in Deutschland verbracht haben, Deutsch als eine ihrer Muttersprachen beherrschen, deren Eltern (oder auch nur ein Elternteil) schon vor 50 Jahren in die Bundesrepublik kamen.

Das Phänomen der „Gastarbeiter“ hatte und hat also eine gesellschaftliche und politische Dimension, die bis heute Wirkungen und Widersprüche zeigt. Das ist aber nicht nur in Deutschland der Fall, sondern auch in den Herkunftsländern. Was macht es mit einem Land, wenn mehrere Hunderttausend oder gar Millionen Menschen weggehen? Welche Bedeutung für die Heimat haben die Menschen, die zurückkommen, welche diejenigen, die im Ausland bleiben? Diese Frage ist viel zu komplex, um sie in Kürze umfassend zu beantworten. Die Antwort wird für jedes Land, vermutlich für jede Person anders ausfallen. Sie ist aber zentral, auch weil heute aus denselben Ländern wie in den 1950er und 1960er Jahren Zuwanderer nach Deutschland kommen, obwohl sie nicht mehr als „Gastarbeiter“ definiert werden. Während der italienische Staat damals die Emigration förderte, wird die heutige Entwicklung eher mit Sorge beobachtet. Es wandern nämlich meistens junge Akademiker*innen aus, die ihre Kompetenzen in Italien erworben haben und nun ins Ausland exportieren. Außerdem kann man nicht mehr davon ausgehen, dass sie in ihre Heimat zurückkehren werden: Sie finden Jobs, verlieben sich, und brauchen vor allem keine Arbeitserlaubnis und können ohne Einschränkungen in Deutschland bleiben. Diese neue Form der Migration lässt sich viel schlechter steuern als die Zuwanderung der „Gastarbeiter“. Das hat Folgen sowohl für das Herkunftsland als auch für den Ankunftsstaat. Die Beschäftigung mit dem historischen Phänomen der Migration nach Deutschland, mit der Zeit, als wir Italiener*innen „Gastarbeiter“ in Deutschland (oder in der Schweiz, in Belgien, etc.) waren, kann eine neue Perspektive auf künftige Entwicklungen in allen beteiligten Ländern eröffnen und Widersprüche offenlegen.

Literatur

Bundeszentrale für politische Bildung (2011): Vielfalt der türkeistämmigen Bevölkerung in Deutschland, in: www.bpb.de, [online] https://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/anwerbeabkommen/43240/vielfalt [08.12.2020].

Bundeszentrale für politische Bildung (2011): „Mit den Peitschenstriemen der Armut kam ich hierher“, in: www.bpb.de, [online] https://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/anwerbeabkommen/43217/peitschenstriemen-der-armut [08.12.2020].

Bundeszentrale für politische Bildung (2019): „Gastarbeiterinnen“ in der Bundesrepublik Deutschland, in: www.bpb.de, [online] https://www.bpb.de/gesellschaft/migration/kurzdossiers/289051/gastarbeiterinnen-in-der-bundesrepublik-deutschland [08.12.2020].

Duden: Gast­ar­bei­ter, der, in: www.duden.de, [online] https://www.duden.de/rechtschreibung/Gastarbeiter [08.12.2020].

Fondazione Archivio Diaristico Nazionale: Festeggiati e licenziati, in: www.idiariraccontano.org, [online] https://www.idiariraccontano.org/estratti/festeggiati-e-licenziati/ [08.12.2020].

Hecking, Claus (2013): Kohl wollte offenbar jeden zweiten Türken loswerden, in: www.spiegel.de, [online] https://www.spiegel.de/politik/deutschland/kohl-wollte-jeden-zweiten-tuerken-in-deutschland-loswerden-a-914318.html [08.12.2020].

La Repubblica (2019): Il rapporto Istat sull’immigrazione: „Più italiani emigrati, meno arrivi dall’Africa“, in: www.repubblica.it, [online] https://www.repubblica.it/cronaca/2019/12/16/news/il_rapporto_istat_sulle_migrazioni_piu_italiani_emigrati_meno_arrivi_dall_africa_-243613030/ [08.12.2020].

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