Geschichte(n) von Arbeitsimmigrant*innen historisieren

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In diesem Beitrag geht Eylül Tufan der Frage „Was ist Oral History?“ nach. Dabei zeigt die Autorin das emanzipatorische Potenzial der Oral History für die Erinnerung an Arbeitsimmigration in die Bundesrepublik Deutschland in den 1950er bis 1970er Jahren auf und verweist auf Herausforderungen hinsichtlich der Beziehung zwischen dem/der interviewten Zeitzeug*in und dem/der interviewenden Historiker*in.

Projemizin web sitesinin ya da çevrimiçi bloglarımızın değerli konukları, bugün Eylül Tufan „Oral History nedir?“ soruyu cevaplıyarak, Oral History’nin özgürleştirici potansiyeli’ni işaret ediyor ve repörtaj edilen kişi ile repörtaj eden tarihçi arasındaki ilişkide zorlukları gösteriyor.

Eylül Tufan


Was ist Oral History?

Ein Beitrag von Eylül Tufan

Geschichte(n) von Arbeitsimmigrant*innen historisieren

Menschen erzählen, viel und gerne. Sie erzählen von ihren Erlebnissen und Erfahrungen, Gedanken und Gefühlen. Dabei ist allen Erzählungen eines gemeinsam: die Geschichte. Das Bedürfnis des Menschen sich mitzuteilen und Geschichten zu hören ist grundlegend. Denn wer erzählt, der überlebt – im Gedächtnis der anderen.

Die mündliche Weitergabe von historischen Ereignissen und Entwicklungen in Form von Erzählungen stellt die älteste Form der geschichtlichen Überlieferung dar. Die „Oral History“ (engl. für „mündlich überlieferte Geschichte“) bedient sich dabei eben jenem Bedürfnis des Menschen nach Geschichten: In lebensgeschichtlichen Interviews werden Zeitzeug*innen befragt und die Interviewaufzeichnungen sowie andere Selbstzeugnisse (Ego-Dokumente wie Tagebücher, Briefe etc.) wissenschaftlich ausgewertet. Damit eröffnet die „Oral History“ einen Zugang zu den subjektiven Erfahrungen von Geschichte. Gleichzeitig stellt die Interviewsituation eine Herausforderung für die interviewende und interviewte Person dar.

Im Folgenden sollen das Erkenntnis- und emanzipatorische Potenzial der „Oral History“ für die Erforschung von und Erinnerung an Arbeitsimmigration in die Bundesrepublik Deutschland in den 1950er bis 1970er Jahren (sogenannte „Gastarbeit“) aufgezeigt werden. Anschließend sollen Herausforderungen hinsichtlich der Beziehung zwischen der/dem interviewten Zeitzeug*in und der/dem fragenden Historiker*in im Rahmen unseres Projekts reflektiert werden.

Das Zeitzeug*innen-Interview als Zugang zur Subjektivität von Arbeitsimmigration

Der Historiker Alexander von Plato definiert das Forschungsfeld der „Oral History“ als die „subjektive Erfahrung und deren Verarbeitung“ (von Plato 2012: 74). In Anbetracht dessen wird deutlich, dass die „Oral History“ nicht bzw. nicht vordergründig der „Rekonstruktion von historischen Ereignissen und Abläufen“ dienen könne (ebd.: 80). Vielmehr komme die „Oral History“ zu Anwendung, „wenn es um Konsens- der Dissenselemente einer Gesellschaft geht, um die Bedeutung von Vorerfahrungen für weitere historische Abschnitte, wenn die ‚Innenansichten‘ bestimmter sozialer Gruppen bearbeitet werden, wenn die Dynamik zwischen den Generationen oder wenn auch nur die Dynamik innerhalb von Biografien oder deren Selbstkonstruktion untersucht werden sollen“ (ebd.: 80f.).

Türkische „Gastarbeiter“ in Berlin, 1970
Foto: „Berlin 1970: Stadtbilder“ / Heinrich Klaffs / CC BY-NC-SA 2.0 / via Flickr

Dementsprechend liefert die „Oral History“ Antworten auf die von der Historikerin Dorothee Wierling formulierten Fragen: „Wie wirken die Ergebnisse der Geschichtswissenschaft auf den öffentlichen Umgang mit Geschichte und auf die persönlichen Erinnerungen der Miterlebenden? Wie formen die öffentlichen Deutungsangebote diese persönlichen Erinnerungen? Haben letztere irgendeinen Einfluss auf das materialisierte, objektivierte Gedächtnis einer Kultur oder auf eine kritische, ‚objektive‘ Geschichtswissenschaft?“ (Wierling 2003: 103).

Im Kontext der Arbeitsimmigration in die Bundesrepublik Deutschland zwischen den 1950er und 1970er Jahren kann die Methode der „Oral History“ Aufschluss über die Lebensweise und die Alltagserfahrungen der sogenannten „Gastarbeiter*innen“ geben. Dabei stünden die Lebenswelt der Arbeitsimmigrant*innen im Fokus der Untersuchung sowie Fragen nach Arbeit, Wohnen, Freizeit, Geschlechterverhältnissen und Familienleben (ebd.: 91). Darüber hinaus ließen sich mit Hilfe von Zeitzeug*innen-Interviews Erkenntnisse über Erfahrungen von politischer Unterdrückung, sozialem und politischem Protest wie dem „Wilden Streik“ bei Ford im Jahr 1973 sowie migrantische Selbstorganisation wie beispielsweise die Gründung des Vereins „Türkische Gemeinde in Deutschland“ im Jahr 1995 generieren – Geschichten, die in den staatlichen Akten nicht oder nur unvollständig zu finden sind, wohl aber in den Erzählungen der Arbeitsimmigrant*innen.

Das Potenzial der „Oral History“ für unser Projekt besteht also darin, anstelle einer staatszentrierten Perspektive auf Migration die Perspektive „von unten“ einzunehmen. Diese ermöglicht es herauszufinden, wie sogenannte „Gastarbeit“ in der Praxis ausgesehen hat. Vor allem aber eröffnet die „Oral History“ einen Zugang zu den persönlichen Geschichten der Arbeitsimmigrant*innen, ihren Erwartungen, Erfahrungen und Emotionen, die sie mit ihrer Migration nach Deutschland verbinden.

„Oral History“ als Emanzipation im Kontext von Arbeitsimmigration

Das emanzipatorische Moment in der Dokumentation der persönlichen Geschichten durch Zeitzeug*innen-Interviews besteht in der Sichtbarmachung der im geschichtswissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs marginalisierten Stimmen der Arbeitsimmigrant*innen:

  • Erstens kann die Generierung von Quellen aus der Perspektive der Arbeitsimmigrantinnen die Grundlage für die weitere geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit sogenannter „Gastarbeit“ legen und den bestehenden Quellenkorpus aus Behördenunterlagen, Arbeitsverträgen (u. Ä.) ergänzen.
  • Zweitens kann die Perspektive der Arbeitsimmigrantinnen das Narrativ des „männlichen, ungebildeten, sunnitischen ‚Gastarbeiters‘ aus der Türkei“ aufbrechen und durch die diversen Lebensgeschichten der Arbeitsimmigrantinnen zur Differenzierung der in der Öffentlichkeit weit verbreiteten homogenen und unterkomplexen Vorstellung von sogenannter „Gastarbeit“ beitragen. Die Repräsentation von Arbeitsimmigration, Migration sowie Flucht in die Bundesrepublik Deutschland im nationalen Gedächtnis könnte darüber hinaus dazu beitragen, eine alternative Erzählung zum Masternarrativ des sogenannten „Wirtschaftswunders“ zu entwerfen, in dem die Arbeitsimmigrantinnen nicht vorkommen bzw. ihnen nicht die Aufmerksamkeit zukommt, die ihnen zusteht.
  • Drittens kann die Sichtbarmachung der Selbstkonstruktion der Arbeitsimmigrantinnen einen Beitrag zur anhaltenden Debatte über Integration leisten, indem die Zeitzeuginnen gezielt nach ihrem Selbstverständnis, und ob sie sich selbst als sogenannter „Gastarbeiterin“ bezeichnen würden, befragt werden. Hierfür bietet sich die von von Plato vorgeschlagene vierte Phase des lebensgeschichtlichen Interviews an, in der die interviewende Person „mögliche Diskrepanzen in der Weltanschauung zwischen sich und dem Befragten thematisiert und es zu einem Streitgespräch kommt.“ (Obertreis 2012: 21). Diese vierte Phase des Interviews kann auch dafür genutzt werden, dass die interviewende Person die durch die eigene Sozialisation bedingten Annahmen und Stereotype in Bezug auf sogenannte „Gastarbeit“ reflektiert.

Die „Oral History“ eröffnet einen Zugang zu den Erwartungen, Erfahrungen und Emotionen, die die Arbeitsimmigrant*innen mit ihrer Migration nach Deutschland verbinden. – Geschichten, die in den staatlichen Akten nicht oder nur unvollständig zu finden sind, wohl aber in den persönlichen Erzählungen der „Gastarbeiter*innen“.

Herausforderungen im Umgang mit Machthierarchien während des Interviews

Die Situation des Zeitzeug*innen-Interviews beschreibt die Historikerin Dorothee Wierling als „merkwürdige Mischung aus ‚natürlicher‘ und künstlicher Gesprächssituation“ (Wierling 2003: 113), in der zwei Fremde eine zeitlich begrenzte intime Beziehung eingehen. Kennzeichnend für diese Interviewsituation sei die asymmetrische Beziehung zwischen der interviewenden und der interviewten Person: Während eine der beiden Personen die eigene Lebensgeschichte offenbart, teilt die andere Person in der Regel keine persönlichen Details von sich mit. Darüber hinaus behalte die interviewende Person die Kontrolle darüber, was nach dem Interview mit dem generierten Quellenmaterial geschieht. Aus diesem Grund ist eine offene und vertrauensvolle Atmosphäre die Voraussetzung für ein gelungenes Zeitzeug*innen-Interview. Entscheidend ist hierbei die Verantwortung der forschenden Person, der befragten Person mit Offenheit, Neugier, Respekt und Empathie zu begegnen.

Im Kontext unseres Projektes scheint diese Grundhaltung umso wichtiger, da es sich in Anbetracht der von uns zu interviewenden Gruppe möglicherweise um Menschen handeln wird, die sich weniger gut auf Deutsch ausdrücken können als in ihrer Erstsprache. Zusätzlich treten Unterschiede in der akademischen Ausbildung hinzu, die zu einem Machtgefälle zum Nachteil der Zeitzeug*innen führen können: die interviewte Person könnte sich angesichts eines Teams aus Forscher*innen und hinsichtlich der Erwartung, eine kohärente Erzählung präsentiert zu bekommen,  unter Druck gesetzt fühlen.

Entscheidend ist die Verantwortung der forschenden Person, der interviewten Person mit Offenheit, Respekt und Empathie zu begegnen.

Deshalb sollten wir nicht überrascht davon sein, wenn potenzielle Interviewpartner*innen mit Skepsis oder sogar Ablehnung auf unsere Anfrage reagieren. Schließlich interessieren wir uns für die privatesten und intimsten Details aus ihrem Leben: ihre persönliche Geschichte. Diese Reaktion erscheint in Anbetracht dessen, dass Arbeitsimmigrant*innen jahrzehntelang marginalisiert wurden und ihre Geschichte(n) kein Teil der kulturellen Erinnerung waren, wenig verwunderlich. Diese Erfahrung kann mit negativen Gefühlen der Ablehnung einhergehen, weshalb es für uns schwierig werden kann, ihnen glaubhaft zu machen, dass wir ernsthaft an ihren Lebensgeschichten interessiert sind. Um das Vertrauen zwischen uns und unseren Interviewpartner*innen zu stärken, könnte ein Weg bei der Suche nach Zeitzeug*innen über lokale migrantische Organisationen führen: Diese verfügen nicht nur über ein großes Netzwerk an potenziellen Gesprächspartner*innen, sondern sie bieten einen geschützten Raum für die Arbeitsimmigrant*innen, um sich über unsere Interviewanfrage auszutauschen und zu entscheiden, ob sie ihre Lebensgeschichte mit uns teilen wollen.

Zuletzt stellt sich die Frage, wie wir mit der Interviewsituation umgehen werden: Werden wir im Gespräch aus unserer Rolle als „objektive“ Historiker*in fallen, werden uns die Geschichten emotional berühren? Vielleicht ja. Werden wir das Interview „objektiv“ und unbefangen führen können? Mit großer Sicherheit nicht. Wahrscheinlich ist aber, dass die Interviewsituation sowohl für unsere Interviewpartner*innen, als auch für uns eine subjektive Erfahrung werden wird.


Literatur

Obertreis, Julia: Oral History – Geschichte und Konzeption, in: dies. (Hrsg.), Oral history (Basistexte Geschichte, 8), Stuttgart: Steiner 2012, 7–28.

Plato, Alexander von: Oral History als Erfahrungswissenschaft. Zum Stand der „mündlichen Geschichte“ in Deutschland, in: Julia Obertreis (Hrsg.), Oral history (Basistexte Geschichte, 8), Stuttgart: Steiner 2012, 73–95.

Welzer, Harald: Das Interview als Artefakt. Zur Kritik der Zeitzeugenforschung, in: BIOS 13 (2000), 51–63.

Wierling, Dorothee: Oral History, in: Michael Maurer (Hrsg.), Aufriss der historischen Wissenschaften, Bd. 7: Neue Themen und Methoden der Geschichtswissenschaft, Stuttgart: Reclam 2003, 81–151.

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